Vier deutsche Orte · Jahrgänge 1940 bis 2025 · Stand 7. August 2026
Waren die Sommer früher anders? Die einen sind sich sicher, dass sie es waren, die anderen halten das für Verklärung.
Beides trifft zu, und es widerspricht sich nicht. An den vier hier ausgewerteten Orten sind die Sommer seit 1940 wärmer geworden. Zugleich hängt es vom Geburtsjahr ab, wie groß jemand diese Veränderung erlebt. Wer in den 1970er Jahren aufgewachsen ist, misst gegen ein anderes Niveau als jemand, der in den 1990er Jahren aufgewachsen ist. Die Messwerte sind für beide dieselben. Verschieden ist die Nulllinie, gegen die sie verrechnet werden.
Anders gesagt: Der Satz „früher war das anders“ ist keine Verklärung. Er ist eine Aussage über einen Maßstab, und dieser Maßstab ist bei jedem ein anderer.
Wolfgang Haasch, geboren 1968 in Wismar. Die Sommer, an die er sich erinnert, sind die vom fünften bis zum fünfzehnten Lebensjahr, also 1973 bis 1983. Elf Sommer an der Ostseeküste.
In diesen elf Sommern lag das Mittel der Tagesmittelwerte von Juni bis August bei 16,7 Grad. Der wärmste dieser Sommer kam auf 17,9 Grad, der kühlste auf 15,6 Grad. Im Schnitt gab es elf Tage je Sommer, an denen das Tagesmaximum 25 Grad erreichte. Tage mit 30 Grad oder mehr waren selten: In allen elf Sommern zusammen zählte Wismar sieben davon, in sechs der elf Sommer keinen einzigen.
Das ist die Nulllinie. Sie entstand nicht durch eine Entscheidung, sondern dadurch, dass jemand zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort ein Kind war.
Die zehn Sommer von 2016 bis 2025 liegen an derselben Küste bei 18,2 Grad, also 1,5 Grad darüber. Die Tageshöchstwerte stiegen um 1,8 Grad. Statt elf Sommertagen sind es zwanzig, also ungefähr doppelt so viele. Die sieben Hitzetage aus elf Jahren wurden zu 37 in zehn Jahren.
Zwei Vergleiche machen den Abstand greifbar. Keiner der elf Sommer aus der Kindheit erreicht den Durchschnitt des letzten Jahrzehnts. Und umgekehrt fällt keiner der zehn jüngsten Sommer auf den Durchschnitt jener Kindheit zurück.
Dabei überlappen sich die Spannen sehr wohl. Der kühlste Sommer des letzten Jahrzehnts, 2017 mit 16,8 Grad, wäre zwischen 1973 und 1983 ein durchschnittlicher bis leicht warmer Sommer gewesen: Fünf der damaligen elf Sommer waren wärmer, sechs kühler. Verschoben hat sich also nicht die Grenze des Möglichen, sondern die Mitte.
Der Zuschnitt des Zeitraums ändert daran wenig. Nimmt man statt der Sommer 1973 bis 1983 die ersten fünfzehn Lebensjahre, also 1968 bis 1983, liegt das Mittel bei 16,8 statt 16,7 Grad. Das Ergebnis hängt nicht an der genauen Fensterwahl.
Stellen Sie Ihr Geburtsjahr und den Ort ein, der Ihrer Kindheit am nächsten liegt. Der zweite Regler bestimmt, welche Lebensjahre als prägend gelten sollen.
Achten Sie beim Verschieben des Geburtsjahres darauf, was sich ändert und was nicht. Die Messwerte der einzelnen Sommer bleiben, wie sie sind. Es wandert nur das Fenster, aus dem der Normalsommer gebildet wird.
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Wetterdaten von Open-Meteo.com
Empfinden arbeitet mit Bezugswerten. Wer aus einem kalten Raum kommt, empfindet dieselben zwanzig Grad anders als jemand, der aus der Sonne kommt. Was für Minuten gilt, gilt auch für Jahrzehnte: Die Sommer, die jemand als Kind erlebt hat, bilden das Niveau, gegen das er alle späteren verrechnet.
Deshalb geht der Streit darüber, ob die Sommer früher anders waren, meist an der Sache vorbei. Beide Seiten haben dieselben Zahlen und kommen zu verschiedenen Urteilen, weil sie verschiedene Nulllinien mitbringen. Wer sagt, es habe sich viel verändert, und wer sagt, es sei alles wie immer, streiten nicht über Messwerte. Sie streiten über einen Maßstab, den keiner von beiden ausspricht, weil ihn keiner von beiden gewählt hat.
Genau das lässt sich hier ausprobieren. Bewegen Sie das Geburtsjahr, und der Normalsommer wandert mit. Kein einziger Messwert ändert sich dabei. Es ändert sich nur, wogegen gemessen wird.
Die Nulllinie wandert dabei nicht in eine Richtung. In Wismar liegt die des Jahrgangs 1940 höher als die des Jahrgangs 1970.
Der Mechanismus dahinter ist im methodischen Anhang beschrieben.
Diese Seite zeigt vier Orte, nicht Deutschland. Wismar, Wernigerode, Neulußheim und Ebersberg decken Norden, Mitte, Südwesten und Südosten ab, aber sie sind kein Landesdurchschnitt. Wer in Köln oder Dresden lebt, bekommt hier den nächstgelegenen von vier Orten, nicht seinen eigenen.
Die Werte stammen aus einer Reanalyse, nicht von einer Wetterstation. ERA5 rechnet Beobachtungen und ein Wettermodell zu einem lückenlosen Gitter zusammen, aus dem der Wert für eine Koordinate interpoliert wird. Für Langzeitvergleiche ist das der geeignete Datensatz, weil er homogen und ohne Lücken ist. Die absoluten Werte können von der nächstgelegenen Station abweichen.
Die Jahre 1940 bis 1978 stehen auf einer dünneren Beobachtungsbasis. ERA5 wurde für diesen Zeitraum nachträglich rückwärts erweitert, mit deutlich weniger Messungen als ab dem Satellitenzeitalter. Die Unsicherheit ist dort größer als in den jüngeren Jahrzehnten. Niederschlag wird auf dieser Seite deshalb gar nicht gezeigt: Er wird in einer Reanalyse vom Modell berechnet und nicht direkt aus Beobachtungen übernommen, und in der Rückerweiterung ist er besonders unsicher.
Die Schwellen 25 und 30 Grad sind Festlegungen, keine Naturkonstanten. Sie sind meteorologisch üblich, aber gewählt. Dazu kommt, dass die Tageswerte auf eine Nachkommastelle gerundet vorliegen. Ein Tag mit einem tatsächlichen Höchstwert von 24,96 Grad steht als 25,0 in den Daten und zählt mit. Die Zahl der Sommertage ist dadurch um etwa einen Tag unsicher. Bei einem Sommer mit elf Sommertagen ist das spürbar, bei einem mit dreißig kaum.
Die Zahlen stammen aus der Archiv-Schnittstelle von Open-Meteo, die auf der Reanalyse ERA5 des Europäischen Zentrums für mittelfristige Wettervorhersage beruht. Abgefragt werden Tagesmittel, Tagesminimum und Tagesmaximum der Zweimetertemperatur für die Koordinate des jeweiligen Ortes, in der Zeitzone Europe/Berlin.
Rechenweg: Je Ort und Kalenderjahr werden die Tage vom 1. Juni bis 31. August ausgewertet, also immer genau 92. Aufgenommen wird ein Jahr nur, wenn alle 92 Tage vorliegen; das laufende Jahr fehlt deshalb, bis sein Sommer abgeschlossen ist. Die Mittelwerte sind arithmetische Mittel über diese 92 Tage. Ein Sommertag ist ein Tag mit einem Höchstwert von 25 Grad oder mehr, ein Hitzetag einer mit 30 Grad oder mehr. Gerundet wird erst bei der Ausgabe, auf eine Nachkommastelle.
Stand: 7. August 2026. Enthalten sind die Jahrgänge 1940 bis 2025. Der Sommer 2026 wird ab September 2026 ergänzt, jeder weitere Jahrgang jeweils im September des Folgejahres. Steht hier später noch derselbe Stand, ist die Seite nicht nachgeführt worden.
Die zugrunde liegende Datei ist offen abrufbar: normalsommer.json. Wer die Rohdaten breiter auswerten möchte, findet unter wetter.haasch.de dieselbe Datenbasis mit Monats- und Jahreswerten für sechs Orte ab 1940.
Wetterdaten von Open-Meteo.com, lizenziert unter CC BY 4.0. Die Daten wurden verändert: Tageswerte wurden zu Mittelwerten und Tageszählungen über den Zeitraum Juni bis August verdichtet.
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